Interview mit Helmut Stiefenhöfer (vollständig)

Hier das Interview aus dem Heft in vollständiger Länge.

Interview geführt von Fabian Everding und Maren Oldenburg
Verschriftlichung: Maren Göpfert

Was ist der wesentliche Unterschied zwischen dem Notensystem am Oberstufen-Kolleg und an der Regelschule?
Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass an der Regelschule alle im Laufe eines Kurse erbrachten Leistungen, sowohl die mündlichen, als auch die schriftlichen, wie Hausaufgaben und Klausuren, Grundlage der Note sind, die am Ende für den Kurs gegeben wird.
Am Oberstufen-Kolleg wird hingegen in der Hauptphase nicht der gesamte Kurs benotet, sondern ein von den KollegiatInnen im begrenzten Rahmen auszuwählender Leistungsnachweis, dessen Note dann in die Vornoten für das Abitur eingeht.

Besteht die Möglichkeit mehrere Leistungsnachweise anzufertigen und sich am Ende des Kurses für einen zu entscheiden oder muss man sich zu Anfang verbindlich auf einen Leistungsnachweis festlegen, unabhängig von der letztendlichen Note?
Man muss sich im Kurs für einen bestimmten Leistungsnachweis entscheiden und darauf achten, dass man eine gewisse Bandbreite an Leistungsnachweisformen, die in der AUPO festgelegt ist, im Laufe der Hauptphase abgedeckt hat. Wenn man sich aber im Kurs einmal festgelegt hat, ist diese Festlegung verbindlich.

Sehen Sie konkrete Vorteile im Benotungssystem des Oberstufen-Kollegs im Vergleich zu dem der Regelschulen?
Ich sehe keine konkreten Vorteile. Als Argument für diese Abweichungen von der Vorgehensweise der Regelschule wurde genannt, dass der Notendruck gesenkt bzw. die Noten im Kursverlauf eine geringere Rolle spielen würden. Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil – ich sehe das ganze Gewicht auf eben diesen benoteten Leistungsnachweisen liegen und damit einen erhöhten Notendruck.

Dass heißt also Sie würden vorschlagen, das Notensystem der Regelschule zu übernehmen oder was würden Sie konkret verändern wollen?
Ich halte das Bewertungssystem der Regelschule für deutlich besser, weil es gerechter ist. Daher würde ich stark dafür plädieren, es zu übernehmen.

Finden Sie nicht, dass, wenn der Lehrer jede Einzelleistung der KollegiatInnen im Unterricht notieren und bewerten müsste, die Gefahr besteht, dass das Kursklima darunter leidet und die KollegiatInnen sich nur melden, wenn sie sich ihrer Antwort sicher sind?
Die Gefahr sehe ich als eher gering an. Sie würde vielleicht bestehen, wenn der Lehrer vorne mit seinem Notebüchlein steht, wie es früher häufig der Fall war, und die Äußerungen der KollegiatInnen sofort bewertet.
Die Praxis in meinen Kursen sieht so aus, dass ich mir am Ende des jeweiligen Kurses überlege, wie die Beteiligung der Einzelnen war und mir eine kurze Beurteilung notiere, ohne sie in ganz genauen Punktwerten festzuhalten.

Die momentane Bewertungs- und Notenregelung besteht ja erst seit dem neuen OS. Wie kam es dazu und ist das jetzige System Ihrer Meinung nach näher an dem der Regelschule oder näher an dem des alten OS?
Zur ersten Frage: Es gab die Überlegung, dass, wenn nur ein Teilaspekt der Kursleistung benotet wird, der Notendruck in anderen Teilen der im Kurs zu erbringenden Leistungen schwindet. Auf den ersten Blick scheint dies plausibel zu sein, aber wenn man sich überlegt, welche Bedeutung dann dem einzelnen Leistungsnachweis zukommt, halte ich dies nicht für einen wünschenswerten Effekt.
Mit dem alten OS lässt sich die neue Regelung auch nicht besser vergleichen als mit den Regelungen der Regelschulen. Im alten Os gab es in den Kursen lediglich eine Bewertung in den Kategorien “Pass” and “Fail” und erst bei den Prüfungsteilen wurden Noten gegeben. Insofern ist sowohl die Praxis des NeOS als auch dieder Regelschulen ganz weit vom alten OS entfernt.

War es am alten OS also so, dass man lediglich am Ende die Abschlussprüfungen geschrieben hat?
Nein. Am alten OS gab es keine Noten, die Entscheidung, die zu treffen war: Ist der Kurs bestanden oder ist der Kurs nicht bestanden? Welche Leistungsnachweise Grundlage für das Bestehen des Kurses waren, unterschied sich nach den Unterrichtsarten – im Ergänzungsunterricht, der heute in etwa den Grundkursen entspricht, waren es drei Leistungsnachweise und im Wahlfach- bzw. Studienfachunterricht waren es vier. Welche vier das waren, konnte in gewissen Grenzen festgelegt werden, einen stellte immer die Klausur dar.

Besteht für KollegiatInnen, die nach der Eingangsphase das Oberstufen-Kolleg verlassen, die Möglichkeit ihre Ausbildung an einer Regelschule fortzusetzen? Wenn nein, warum nicht?
Liegt es an der speziellen Notengebung oder ist es in der Unterschiedlichkeit des Oberstufen-Kollegs zu anderen Oberstufen begründet?
Ich muss gestehen, dass ich das nicht weiß. Wenn ein/e KollegiatIn nach der Elf in die Oberstufe einer Regelschule wechseln möchte, müssten wahrscheinlich Noten ausgewiesen werden für die Elf. Ich denke nicht, dass es einem/r KollegiatIn verwehrt werden kann in eine andere Oberstufe zu wechseln, wenn er oder sie die allgemeinen Voraussetzungen dazu erfüllt.

Obwohl die Bewerber zum Teil ohne Q-Vermerk am OS aufgenommen werden, also unter Voraussetzungen, mit denen man an der Regelschule nicht aufgenommen werden würde? Könnte man also am OS die Elf ableisten und dann an die Regelschule zurückkehren?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das geht. Das wäre ja ein Umweg über das Oberstufen-Kolleg in die Regelschuloberstufe.

Sie haben ja doch recht konkrete Vorstellungen davon, wie sich das OS Bewertungssystem in Richtung der Regelschule verändern soll. Was steht dieser Änderung im Weg?
Meine Wahrnehmung ist, dass das Kollegium in dieser Frage gespalten ist , wobei ich mir unsicher bin, wie die Mehrheitsverhältnisse tatsächlich aussehen. Ich höre sehr viel Unmut bei Kolleginnen und Kollegen über diese neue Regelung, aber wie groß die Bereitschaft tatsächlich ist, in einer Abstimmung eine Änderung herbeizuführen, kann ich schlecht einschätzen.

Ist das Notensystem des alten OS noch auf Hartmut von Hentig zurückzuführen oder wer hat sich das damals einfallen lassen?
In den ganzen frühen Anfängen waren es sicherlich die Überlegungen von Harmut von Hentig, die wesentlich aus dem amerikanischen College-System stammen, die unsere Bewertungspraxis bestimmten. Es galtendie Prinzipien einer kumulativen Prüfung,, das heißt, man absolviert bestimmte Veranstaltungen oder Ausbildungsanteile, die als bestanden oder nicht bestanden bewertet werden. Wenn sie denn bestanden sind, fließen sie als Teilelemente in den Abschluss ein.
Mit der Anpassung des alten OS an das deutsche schulische Bewertungssystem wurde zunächst für die Abschlussprüfungen eine Notengebung in einer Skala von 1 bis 6 festgelegt.

Und wer hat das NeOS Bewertungssystem entwickelt? Das Schulministerium?
Das Notensystem des NeOS wurde von der Verhandlungsgruppe des Oberstufen-Kollegs entwickelt, die mit dem Ministerium die neue Ausbildungs- und Prüfungsordnung für das Oberstufen-Kolleg aushandelt hat.

Es gab also einen Vorschlag von Seiten des Kollegiums?
Genau. Phasenweise waren auch KollegiatInnen beteiligt, aber in der Mehrheit war es eine Lehrenden-Gruppe, die als Delegation diese Ausbildungs- und Prüfungsordnung verhandelt hat und versucht hat diesen Aspekt, diese besondere Art der Bewertung, durchzusetzen.

Können Sie uns Beispiele nennen, in denen jemand durch die von Ihnen kritisierten Regelungen das Jahr wiederholen oder das Oberstufen-Kolleg verlassen musste, und wo Sie der Meinung sind, dass dies mit dem Regelschulsystem nicht passiert wäre?
Es wäre sicherlich eine Extremkonsequenz, dass jemand aus diesem Grunde das OS verlassen muss. Für viel gravierender halte ich das Problem, das mir in meinen Kursen schon häufig begegnet ist, dass jemand bei einem benoteten Leistungsnachweis, aus Nervosität oder welchen Gründen auch immer, schwächere Leistungen gezeigt hat als im Gesamtkurs. Die schlechtere Leistung bildet dann aber, systembedingt die Grundlage für die Benotung und beeinflusst damit natürlich den Abiturschnitt negativ.

Es ist ja so, dass in der Hauptphase in jedem Semester ein Leistungsnachweis in den jeweiligen Studienfächern erbracht werden muss und anschließend benotet wird.
Teilweise muss dies auch in den Grundkursen geschehen.
Die benoteten Leistungsnachweise sind Bestandteil der Vornote, die wiederum Bestandteil der Gesamtabiturnote sind.

Zählt lediglich dieser eine benotete Leistungsnachweis oder besteht die Möglichkeit andere im Kurs erbrachte Mitarbeit in die Bewertung mit einzubeziehen?
Nein, wie bereits gesagt, diese Möglichkeit besteht nicht. Es ist vom Konzept ausdrücklich ausgeschlossen.

Ob ich mich im Kursverlauf am Unterricht beteilige oder nicht, macht also im Endeffekt keinen Unterschied?
Prinzipiell stimmt das. Ein Beispiel: Wenn der gewählte zu benotende Leistungsnachweis ein Referat oder eine Präsentation ist, geschieht dies relativ früh im Kursverlauf. Wenn der Kollegiat oder die Kollegiatin für diesen Leistungsnachweis eine gute Bewertung erhält, kann die Note in die Grundlage der Abiturbenotung einfließen, ohne dass eine weitere regelmäßige mdl. Beteiligung mit Ausnahme der Anwesenheitspflicht und der Teilnahme an der Klausur unbedingt erforderlich ist.
Jemand der seiner Einschätzung nach jedoch eine gemessen an seinem Potential schwache Leistung erbracht hat, kann sich die restliche Zeit des Kurses noch so sehr anstrengen, diese Note zu verbessern, es ist vergeblich.

Früher bestand die Möglichkeit für KollegiatInnen Kurse an der Uni zu belegen und Scheine abzuleisten. Gibt es eine solche Möglichkeit heute überhaupt noch in irgendwelchen Fächern?
Kaum. Diese Möglichkeit wird noch eingeschränkt in den Studienfächern Geschichte und Soziologie (?) angeboten
Was die Frage der Scheine betrifft, bin ich mir nicht sicher. So weit ich weiß, ist es nicht mehr möglich, die Scheine für ein späteres Studium anrechnen zu lassen.

Eine Veränderung, die mit dem Übergang zum NeOS einher ging?
Die gravierendste Veränderung: Früher gab es ja in vielen Fächern die Anerkennung für im Oberstufen-Kolleg erbrachte Leistungen für das Grundstudium. Bei uns in Englisch z.B. wurden drei, teilweise auch vier Semester anerkannt.

Wovon war das abhängig?
Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Anfänglich waren es vier, dann drei, was mit der Änderung der Zwischenprüfungsregelungen an der Universität im Fach Englisch zusammen hing.

Konnte man sich seine Scheine anschließend nur an der Uni-Bielefeld anrechnen lassen, oder ging das in ganz NRW oder sogar in ganz Deutschland?
Es war gesetzlich geregelt, dass zwischen den Universitäten Nordrhein-Westfalens so genannte Übergangs- oder Wechselvereinbarungen geschlossen werden konnten. Darüber hinaus existierten einzelne bundesweite Übergangsvereinbarungen z.B. mit der Universität Bremen oder Berlin, die abweichend von der Bielefelder Regelung bestimmte Leistungen anerkannten und andere wiederum nicht. Das war von Fach zu Fach verschieden und vor allem von der Eigeninitiative der KollegiatInnen abhängig. Meist konnte allerdings verhandelt werden.

Zur letzten Frage: Wie sah die Möglichkeit sich einen Schein anrechnen zu lassen damals genau aus? Wurden bestimmte fächerbezogene Seminare der Universität parallel zum Schulunterricht besucht?
Der Besuch von Universitätsveranstaltungen war auch im alten OS die Ausnahme. Es gab im Fach Geschichte die in das OS Curriculum eingebundene Möglichkeit Universitätsveranstaltungen, die als OS Veranstaltungen anerkannt wurden, zu besuchen.
Das waren spezielle Veranstaltungen, die, in den späteren Phasen des alten OS, auch nur von denen besucht werden mussten, die anschließend tatsächlich Geschichte in den höheren Semestern weiterstudieren wollten.

Vielen Dank für das Interview!